Nachts. Nachts Auto fahren. Das erinnert mich zuerst an: meine Kindheit. Meine Eltern haben ein Ferienhaus an der französischen Atlantikküste, und selbstverständlich wurde die Reise dorthin durch halb Europa mit dem Auto zurückgelegt. Und weil meine Eltern möglichst gut durchkommen wollten, taten sie das, was auch heute Studien und Umfragen zufolge noch die beliebteste Strategie von rund einem Drittel der Ferienreisenden ist: Sie fuhren nachts. Wir Kinder schliefen auf dem Rücksitz oder wir beschäftigten uns mit einem batteriebetriebenen Kassettenabspielgerät und riesigen Kopfhörern oder mit Büchern; viel anderes gabs damals nicht (und wäre uns von meinen Eltern, die uns eine halbe Stunde ausgewähltes Fernsehen pro Tag erlaubten und verlangten, dass wir beim Werbefernsehen den Ton abdrehten, auch nicht gestattet worden).
Aus dieser Zeit habe ich mir meine Assoziationen zu nächtlichen Fahrten bewahrt; die vorbeiziehende Dunkelheit, die schlafende Landschaft, die Beleuchtung vom Armaturenbrett, das Rauschen des Motors, die Endlosigkeit und Horizontlosigkeit, reduziert auf den Kegel der Scheinwerfer, dem man ewig hinterherjagt. Und seit dieser Zeit auch sind Nachtfahrten bei mir verbunden mit grossen Touren, mit Aufbruch und Weite, in der die Nacht, durch die man fährt, zum dunkelschwarzen Becken wird, in dem alle Nächte aller Erinnerung zusammenfliessen. Man hält sich an seinem Kaffee fest, den man sich bei Starbucks mitgeben liess, und braust mit dem Dodge Challenger, zum Beispiel, durch die endlosen düsteren Flächen, Kansas City Richtung Denver, riesige schwarze Ebenen, the great plains. Very very very plain, meine Damen und Herren. Das Speedlimit liegt bei 75 Meilen, alle haben den Tempomat an, die Strasse ist schnurgerade und wird von der Nacht geschluckt, Überholvorgänge dauern ewig, die Umgebung sieht aus wie aus einem Videospiel der Achtzigerjahre, bei dem man mal die Bildschirmhelligkeit regulieren sollte; die Lichter des entgegenkommenden Verkehrs, die immer sporadischer werden, werden zu flitzenden Augen. Richie, der beste Ehemann von allen, der nachts im Auto regelmässig neben mir sitzt, zum Glück, hat mir neulich nach der Geisterstunde auf einer Fahrt über die finstere Autobahn erzählt, er werde nie die Augen des Mercury Monarch vergessen, jenes Wagens, den seine Eltern in den späten Siebzigerjahren in Südamerika fuhren. Weit auseinanderstehende Augen. «Was», fragte ich, «wie bei Mrs. Bouvier?»
Armada von Monstern und Mutanten
Die Nacht ist eine Chiffre für das Unbekannte, für die andere Seite der Welt, der Dinge, des Menschen, der sich in ihr bewegt, für die Schattenseite der Gewöhnlichkeit, und die Fahrt in der Nacht ist ein Aufbruch ins Ungewisse. Die Nacht hat den Menschen immer schon inspiriert und auch verführt und auch beängstigt, sie ist ein universeller kultureller Topos und vor allem ein bedeutendes Motiv der Romantik mit ihrer Betonung des Irrationalen und Jenseitigen und Metaphysischen. Dessen gröbere Phänomene sind jene Armada von Monstern und Mutanten, mehr oder weniger mythische Kreaturen, die die Nacht bevölkern sollen und sich vom uralten Volksglauben bis zum modernen Horrorfilm schleifen, denn die Nacht bleibt unschlagbar als Zeit der Schimären, Teufel und Gespenster. Zwischen Mitternacht und Morgengrauen haben die dunklen Wesen besondere Macht. Im Englischen heisst diese Periode «dead of night» oder «death hour», im Lateinischen «intempesta» («ohne Zeit»), und die Annahme geht dahin, dass zu dieser Zeit der Tod besonders viele Menschen zu sich nähme. Was für die Strasse rein statistisch zutrifft. Denn obwohl in den dunklen Stunden eher wenige Fahrzeuge unterwegs sind, geschehen im Verhältnis zur hellen Tageszeit überproportional viele Unfälle. Einer der wichtigsten Gründe dafür ist, dass der Mensch an sich konstitutionell eher schlecht dafür taugt, in der Nacht ein Auto zu steuern. Die ungünstigen Lichtverhältnisse bei Dunkelheit und Dämmerung strapazieren das menschliche Auge. Bereits geringe Fehlsichtigkeiten wirken sich in der Nacht stärker aus, und wenn am Strassenrand infolge Düsternis nicht viel zu erkennen ist, unterschätzt das Auge gerne die tatsächlich gefahrene Geschwindigkeit.
Ergänzt werden diese Sehprobleme von Schwierigkeiten, mit denen der menschliche Organismus ohnehin in der Nacht zu kämpfen hat. Irgendwann steht nämlich die innere Uhr auf Ruhe. Bleibt der Mensch trotzdem wach, sinkt seine Konzentration, die Fehlerhäufigkeit steigt. Im Grunde also sind wir wesensmässig nachts jemand anders als tagsüber. Wobei wir ja bekanntlich auch tagsüber bei weitem nicht alle gleich sind. Die sogenannte circadiane Rhythmik, also die 24-Stunden-Organisation des Organismus, ist bekanntlich individuell sehr unterschiedlich; die wiederholten Muster innerer Zustände sind eben nur zum Teil der offenkundigen Anpassung an äussere Umstände geschuldet; die innere Uhr gibt eigenständig als Schrittmacher den Takt vor, dessen Mass dann über äussere Reize und Zeitgeber abgestimmt werden kann; aber wesensmässig gibt es eben Tag- und Nachtmenschen. Letztere sind solche, deren persönlicher Tag konstitutionell und dauerhaft gegenüber dem lichten Tag verschoben ist. Ich jedenfalls für meinen Teil stimme überhaupt nicht der Auffassung zu (und agiere gar selbst als deren lebender Gegenbeweis), dass der Leistungstiefpunkt pauschal für alle Menschen während einer sogenannten «biologischen Geisterstunde» erreicht wäre – morgens zwischen drei und vier Uhr. Nee, danke, im Gegenteil, ich hatte zu dieser Zeit schon einige meiner besten Aktivitätshöhepunkte. (Und übrigens haben in jenen Stunden auch die nächtlichen Unfälle ihren Höhepunkt bereits überschritten; die Unfallhäufigkeit in der Nacht erreicht ihre Spitze zwischen null und zwei Uhr.)
Die Nacht ist eine Mutter
Ich persönlich, zum Beispiel, lebe nach einem kleinen Tief gegen 20 Uhr so nach 22 Uhr nochmals auf, gehöre also wohl nicht zu jenen Lebewesen, die ihren Tagesrhythmus mit Bezug auf das Licht als dem wichtigsten Zeitgeber konstruieren. Vielmehr gehöre ich, obschon ich mich selbst ganz entschieden bürgerlich nennen würde, zu jenen Individuen, deren subjektiver Tag oft oder regelmässig nicht dem bürgerlichen Tagesablauf (dem sogenannten «sozialen Tag») folgt. Das ist beispielsweise in der Regel bei Schichtarbeitern der Fall, und nichts anderes bin ich, denn ich schufte ja als Schriftsteller. Und hier ist mir die Nacht auch eine Mutter, wie in Mörikes Gedicht «Um Mitternacht», die Mutter von Gedanken und Eingebungen, beispielsweise, wozu die Stille beiträgt und eben der Umstand, dass die Rhythmik des Lebens nächtens ganz andere Gestalt annimmt. Nachts ist die Welt anders, gerade eine Welt, die mehr zeit-, raum- und ruhefressende Dinge produziert als je zuvor; des Nachts ist sie verlangsamt, eingedämmt, reduziert. Plötzlich scheinen Zeit, Raum, Ruhe im Übermass vorhanden zu sein – auch und gerade auf der Strasse, der dunklen, endlosen; auch unterwegs, und so hat das Wach- und Unterwegssein um diese Zeit doch auch immer etwas Künstliches, selbst für den Nachtmenschen. Das merkt man zum Beispiel daran, dass die Konversationen mit dem Beifahrer regelmässig dann am beknacktesten werden, wenn sich draussen das tägliche Temperaturminimum einstellt, also knapp vor Sonnenaufgang, wenn bei den meisten Radiostationen nur noch CD-Automaten am Werk sind, im deutschen Sprachraum mit einer seltsamen Vorliebe für Robert Palmer und Barry Manilow; und Richie, der beste Ehemann von allen, mich plötzlich – wir sind schon fast zu Hause – fragt: «Gehts hier nach Oberwinterthur?»
Worauf ich erwidere: «Die Frage ist nicht dein Ernst, oder?»
Denn tagsüber, bei Helligkeit, würde Richie mich so was nie fragen, und zwar aus gutem Grund, weil er nämlich weiss, dass ich nämlich selbst tagsüber, bei Helligkeit, nie im Leben auch nur den Schimmer einer Ahnung hätte, wo es nach Oberwinterthur gehe. Und dann schälen sich vor uns aus der Düsternis die Umrisse eines knapp dreissig Jahre alten Citroën Visa, der ganz offensichtlich auf Verschleiss gefahren wird, wie die Berliner S-Bahn. Wir wären fast auf den draufgefahren.
«Richie, schau dir dieses Auto an!», sage ich. «Ich hab Raumsonden gesehen, die über der Wüste abgestürzt sind, die waren in besserem Zustand als das da.»
«Du hast Raumsonden gesehen?», erkundigt sich Richie.
«Nein», antworte ich. «Du weisst nicht viel über mich, oder?»
Die Konversationen auf langen nächtlichen Autofahrten haben also die gleiche Qualität wie die Unterhaltungen auf Langstreckenflügen (oder der innere Monolog in Einzelhaft) – aber sie haben ihre Berechtigung: Gespräche halten den Fahrer wach und agil. Nicht zuletzt deswegen erscheinen mir schlafende Beifahrer nachts im Auto als unhöflich. Wer schlafen will, soll ins Bett gehen; oder wenigstens auf den Parkplatz fahren (Achtung: das nächtliche Nickerchen im eigenen Auto ist nicht in allen Ländern gestattet). Es gibt weitere kleine Tricks, um am Steuer wach zu bleiben: Kaffee, Kaugummikauen, Frischluftzufuhr, Musik. Und natürlich angenehme Rahmenbedingungen. Dazu gehören nicht zuletzt gut funktionierende und richtig eingestellte Scheinwerfer. (Wer, wie Richie und ich, schon mal nachts auf einer spanischen Autobahnraststätte den Beleuchtungskörper im Frontlicht eines fünfzehn Jahre alten Volvo ersetzen musste, für den nur eine italienischsprachige Bedienungsanleitung vorlag, weiss, was ich meine.) Grundsätzlich sollte man ja nachts nur so schnell fahren, dass innerhalb des überschaubaren Bereichs angehalten werden kann, also in jenem Bereich, den die Scheinwerferkegel erhellen. Und, da wir von «erhellen» sprechen: Es gibt schliesslich nichts Glorioseres als der Morgendämmerung entgegenzubrausen, dahin durch Tau, Nebel, Frost oder Reif, direkt in den Strahlenfächer der lichtrot aufgehenden Sonne, zu Barry Manilows Daybreak.
Das ist Bewegung. Das ist das Versprechen eines neuen Tages.