Gibt es heute noch Helden? Spontan möchte man sagen: Na klar. Eigentlich mehr als je zuvor. Und das ist vielleicht gerade das Problem. «Heldenmut» ist ein stolzes Wort, das ein wenig altmodisch klingt – dabei scheinen Helden sehr in Mode zu sein. Vielleicht weil wir in krisenhaften Zeiten leben, die Unsicherheit mit sich bringen. Jedenfalls haben wir schon auf den zweiten Blick viel zu viele Helden heutzutage: Technikpioniere, Spitzensportler, Oscarpreisträger, zum Beispiel. Diese guten Menschen sind zweifellos Vorbilder und verkörpern wertvolle und edle menschliche Eigenschaften wie Wissbegier, Konsequenz und Überzeugungskraft. Helden sind sie in der Regel: nicht.
Dann gibt es glücklicherweise eine Vielzahl von Menschen, die sich täglich dafür einsetzen, Leben zu retten und zu erhalten und diesen armen gestauchten Planeten insgesamt ein bisschen besser zu machen: Ärzte und Chirurgen, das Personal in den Notaufnahmen und Krankenhäusern, Polizei und Feuerwehrleute und all jene Rettungs- und Entwicklungs- und Nothilfe-Organisationen, in deren Arbeit es immer wieder und täglich und oft unter grosser Gefahr um Leben und Tod geht. Es gibt glücklicherweise Menschen, die ihr Blut oder Knochenmark geben, damit andere überleben können, oder mit Spenden und Dienstleistungen helfen, in Katastrophengebieten Leben zu retten. Dies alles ist wundervoll und edel und verdankenswert – doch es ist, a priori, kein Heldentum.
Heldentum vs. Altruismus
Denn Heldentum hat eine andere Qualität als Altruismus. Altruismus wird umgangssprachlich oft verstanden als freiwilliges selbstloses Handeln. Ernst Fehr, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Zürich, definiert das Phänomen etwas ökonomischer: Er sieht altruistisches Handeln als eine kostspielige Tat, die dem Gegenüber ökonomische Vorteile bringt – aber auch dem Handelnden selbst Vorteile für die Zukunft, zum Beispiel in Form eines guten Rufes oder zukünftiger profitabler Tauschgeschäfte. Altruismus macht den Menschen zum Kulturwesen, doch die Selbstlosigkeit hat auch ganz handfeste Vorzüge sowohl für den Einzelnen wie für die Gesellschaft. Individuen, die gut zusammenarbeiten können, haben einen evolutionären Vorteil im Wettbewerb mit nichtkooperativen Gruppen. Nicht nur Wettbewerb, sondern auch Kooperation ist eine Triebkraft der Evolution, die beigetragen hat zur Entwicklung der menschlichen Moralität. Survival of the nicest.
Und dazu nun im Unterschied: das Heldentum. Spontan könnte man sagen: Das Spontane unterscheidet Heldentum vom Altruismus, aber das trifft es nicht. Es gibt auch spontanen Altruismus und nichtspontane Helden. Der Begriff des Heldentums erscheint, wie gesagt, ein wenig antiquiert – und auch ein wenig desavouiert. Das hängt damit zusammen, dass er besonders missbraucht wurde im Zusammenhang mit kriegerischen Auseinandersetzungen. Zwar ist es richtig, dass der Held der Schlacht, der kriegerische Held, ein Archetypus ist. Aber mit der Mechanisierung und später Elektronisierung von militärischen Konflikten ist der Kriegsheld ein immer abstrakteres und damit auch immer stärker politisches Konzept geworden. Der Mensch wird durch Technik zu einem mächtigen Schwächling, das war die Grundhaltung von Rousseaus «Erstem Diskurs», und das scheint sich am Exempel des Helden besonders zu zeigen. Genau wie mit Entwicklung und Fortschritt von Politik und Wirtschaft und Gesellschaft das Konzept des sozialen Heldentums abstrakter wurde, sich zu verschieben droht – nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer ausufernden Celebrity-Kultur und alltagskultureller Tendenz zur Prominenzierung. Heute werden 15-Minuten-Berühmtheiten gerne mit Helden verwechselt.
Was macht den Helden aus?
Der Titel «Held» war also einst reserviert für Charaktere, die Grosses taten – unter grossem persönlichem Risiko. Heldentum als solches ist zugleich exzeptionell und banal. Es kann herausgehoben und ganz im Stillen passieren. Die Feststellung der Banalität des Heldentums soll die Sache nicht abwerten, sondern nur den Aspekt betonen, dass wir alle potenzielle Helden sind. Oder sein können. Gerade das Über-sich-Hinauswachsen ist ein essenzieller und archetypischer Bestandteil der heroischen Tat: der Mensch wird – eben grösser. Bisweilen ruft das, was er «Schicksal» nennt, zum Heldentum auf: Während 2005 am Golf von Mexiko der Hurrikan Katrina wütete, ergriff ein vielfach vorbestrafter junger Mann namens Jabbar Gibson die Initiative – in Form des Steuers eines aufgegebenen Schulbusses der Stadt New Orleans. Gibson sammelte Flutopfer in seiner deprivierten Nachbarschaft ein und fuhr sie mit dem Bus nach Houston, Texas. Vor jeder offiziellen Evakuierung. Gibson war damals 18. Und sitzt übrigens heute wieder im Gefängnis. Kein Held ohne Schatten. Wir kommen darauf zurück.
Geschichten wie die von Jabbar Gibson gibt es glücklicherweise immer wieder, und es ist wichtig, dass man sie erzählt. Denn die Wahrnehmung und Tradierung von Heldentum als universelle Möglichkeit des Menschseins – nicht als Stigma und Auszeichnung für ein paar auserwählte Existenzen – ist inspirierend. Was macht schliesslich einen Helden aus? Ich weiss hier kein besseres Diktum als die berühmten drei Worte: Grace Under Pressure. So hat Ernest Hemingway «Mut» definiert, und Mut, Courage, oder, wieder ein altmodisches Wort: Tapferkeit – das ist das Siegel des Helden. Zum Helden gehört der Widerstand, das Hindernis, das sich ihm entgegenstellt, die Stärke von Geist und Willen angesichts von Gefahr und potenziell grossen persönlichen Opfern im Einsatz für ein selbstloses Ziel. Dieses heldenhafte Sich-selbst-aufs-Spiel-Setzen ist eine archetypische menschliche Grenzsituation, die besungen worden ist in Heldenmythen und Epen seit Anbeginn der Kultur. Und Helden in diesem Sinne sind nicht nur die Altruisten. Helden können auch die Eigenbrötler sein, die Sonderlinge, die abseits stehen, und es dauert ein bisschen, bis sie ihrem Aufruf folgen.
Den Helden zeichnet stets der eigene Standpunkt aus, das Unverwechselbare, das Nicht-mit-der-Herde-Ziehen. Tapferkeit heisst hier nicht notwendigerweise Angstfreiheit, sondern die Konsequenz im eigenen Handeln auch gerade angesichts der eigenen Furcht. Gerade diese Tapferkeit ist das moralische Siegel des Helden. Von Napoleon Bonaparte stammen die Worte: «Wahres Heldentum besteht in der Überlegenheit gegenüber den Niederschlägen des Lebens, in welcher Form auch immer sie uns zum Kampf herausfordern.» Es war derselbe Napoleon, den der preussische Staatsphilosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel als Personifizierung des archetypischen Helden ansah. Der geschichtliche Held als Verkörperung des Geistes spielt eine zentrale Rolle in Hegels Geschichtsphilosophie. Und 1841 verfasste der schottische Historiker Thomas Carlyle seine Schrift «On Heroes, Hero Worship and the Heroic in History», die ebenfalls den heldenhaften Charakteren eine entscheidende Rolle im Fortgang der Dinge zuweist. Carlyle sieht die Geschichte geprägt durch das Wirken zentraler Individuen und postuliert fünf Typen des Heldentums: den Propheten, den Dichter, den Priester, den Schriftsteller, den Herrscher (hier auch wieder: Napoleon). Carlyle würdigt das Wirken des Genius in der Gestaltung der Welt. Was nicht heisst, dass Carlyle den Schatten nicht sah: Alle Helden haben Fehler. Ihr Heroismus liegt nicht in ihrer moralischen Perfektion, sondern in ihrer kreativen Energie gerade diesen Fehlern zum Trotz. Und: Alle Helden scheitern. Manche vorübergehend, manche endgültig. Doch über dieses Scheitern die Nase zu rümpfen, ist die Weltanschauung derer, denen die Konvention heilig ist.
Der Held hat eine Aufgabe zu erfüllen, gegen Widerstände, und zeigt in der Erfüllung dieser Aufgabe Tapferkeit bis zur Selbstopferung für ein höheres Ziel – dieses Heldenkonzept korrespondiert mit einem Erzählmuster, einer narrativen Struktur, wie wir sie von den Heldensagen über alle Kulturen und Glaubensrichtungen hinweg bis zum Bruce-Willis-Film hin kennen: In der griechischen Mythologie war der prototypische Held ursprünglich ein Halbgott (Herakles, Perseus, Achilles), aber das heisst nicht, dass sein Verhältnis zu den Göttern ohne Konflikte gewesen wäre. Die Schattenseite gehört immer dazu; sie ist sogar ein notwendiger Teil der Ganzheit des Helden- wie des Menschseins, sie macht den Helden nicht schwächer, sondern erst komplett. Der wahre Held ist stets ein Spiegel unserer Psyche. Gerade seine Unvollkommenheit dient uns als moralisches Exempel. Diese klassische Weisheit gilt es gerade heute wieder ins Bewusstsein zurückzurufen, wo sich Schwärme von Interweb-Trotteln gerne damit beschäftigen, totalitäre Transparenz- und Vollkommenheitsideale für Entscheidungsträger einzufordern und auf ihre Art, nämlich durch Blossstellung und anonyme Denunziation, durchzusetzen.
Warum brauchen wir Helden?
Warum sind Helden so wichtig? Das bringt uns zum Motiv der Bewunderung. Bewunderung – auch so ein Phänomen, das ein bisschen in Misskredit geraten ist, gerade in unserem Zeitalter der Obsession mit einem ziemlich entgleisten Konzept von «Celebrity», zu dessen Ingredienzien die massenhafte, wenn auch regelmässig nur kurzzeitige Bewunderung von Rummelplatzfiguren gehört. Dabei ist die Fähigkeit zur Bewunderung ihrem Wesen nach eine Tugend. «Die Fähigkeit zum Aufblick», so nannte das der Dichter Thomas Mann, der auch gleich freimütig bekannte, zur Bewunderung stets die allergrösste Anlage gehabt zu haben. Weil es erhebend und erhaben ist, wenn Menschen Edles schaffen und sich edel verhalten. Der Anblick von Grösse erhebt uns, das ist eine alte Einsicht nicht nur der Ästhetik, sondern auch der Moralphilosophie. Thomas Mann selbst verstand sein Leben und Dasein als Wandel in den Spuren grosser Vorbilder, als mythische Nachfolge, sozusagen – und nichts anderes ist die Vita des Helden, im Leben wie im Geiste.
Das ist das eine. Und das andere ist (und auch dafür steht ja Thomas Mann auf seine Art): das Besingen. Wieder was, was von gestern zu sein scheint. Doch dieses Besingen ist wichtig. Denn wie wird der Mensch zum Helden? Es gibt verschiedene Forschungsansätze über heldenhaftes Verhalten; als relevant angesehen werden dafür sowohl situative Faktoren, also Umweltbedingungen, wie auch eine gewisse charakterliche Disposition, etwa eine starke Wertbindung und innere Festigkeit sowie die Fähigkeit zur Bezogenheit und Identifikation mit Opfern von Ungerechtigkeiten oder Widrigkeiten. Unstrittig aber ist: Menschen werden Helden dank Vorbildern. Und für Vorbilder braucht man Vorstellungen, Rollenfiguren, heroische Leitbilder, und deswegen sind Heldenerzählungen, in welcher Form auch immer, so bedeutsam. Sie schulen quasi die heroische Vorstellungskraft – ein wichtiges Stück soziales Kapital jeder Gesellschaft.
Aber auch jeder Einzelne kann seine heroische Vorstellungskraft schulen. Seinen Helden in sich pflegen. Das fängt an mit der Haltung, der Attitüde, mit der man durchs Leben geht: Wer aufmerksam ist, kritisch und wach; wer einen Blick für Diskontinuitäten und Unstimmigkeiten entwickelt, für Dinge und Vorgänge, die nicht ins Bild passen – der wird bereit sein, wenn er zum Handeln aufgerufen ist, durch das Schicksal oder jene innere Instanz, die Alarm schlägt, weil sie Notfall und Unrecht sieht. Offene Augen und Ohren, ein waches Interesse an seinen Mitgeschöpfen und Anteilnahme an der Umwelt sind stets Voraussetzungen für Mut und Heldentum. Mut geht schnell, aber nicht unreflektiert. Er setzt zusätzlich eine gewisse Furchtlosigkeit vor Konflikten voraus; die Gewissheit der eigenen Widerstandsfähigkeit und Ausdauer (wenn auch nicht des eigenen Sieges). Die Welt, in der wir leben, scheint zwar meinungsvielfältig, ist aber nicht selten konfliktscheu. Die Fähigkeit, zu seinen Überzeugungen zu stehen, ist und bleibt eine Tugend.
Der Held ist sich darüber hinaus seines Seins in der Zeit bewusst, das heisst er handelt zwar aktuell und nicht selten akut in der Gegenwart, doch für die Zukunft, für die er alles auf eine Karte setzt, wissend, dass es andere Optionen gab und geben wird, geleitet durch die Werte und Erfahrungen seiner Vergangenheit. Diese spezielle Bewusstseinslage zwischen den Zeiten ermöglicht es, der Neigung zu widerstehen, das Nichtstun zu rationalisieren. Der Held hat zur Gesellschaft ein so ambivalentes Verhältnis wie sie zu ihm: Manchmal sieht sie ihn nicht, oft verkennt sie ihn. Das darf ihm nichts ausmachen. Zugleich aber muss er an den Menschen glauben und daran, dass wenigstens die Folgenden den Wert seiner Handlungen sehen werden. Dies ist, nebst dem Vertrauen auf den eigenen moralischen Kompass in moralisch zweideutigen Situationen, vielleicht das Schwierigste von allen. In diesem Sinne inspirieren uns Helden zu einer besseren Zukunft; dazu, mehr zu sein als der zögerliche Klumpen Moleküle. Sondern aufzustehen, auch gegen den Strom. Es geht also beim heroischen Auftreten auch um Sicherheit seiner selbst, also Souveränität und Authentizität der Person. Statt Grace Under Pressure könnte man so Heldentum auch verstehen als: Souveränität im Kontext. Aber das klingt doch wesentlich trockener als Hemingway.